Im SPIEGEL von letzter Woche (29/10) ging es im Leitartikel um "Ich bin dann mal off - Über die Kunst des Müßiggangs im digitalen Zeitalter"
Ein sehr berechtiges Thema, denn die Onlinesucht ergreift ja in jüngster Zeit nicht nur uns Nerds, die wir schon ewig im Netz abhängen und das "immer on" sein zur Kunstform erhoben haben.
Ehrlich gesagt: in meinen zwei Wochen Urlaub war ich entgegen meiner früheren Gewohntheiten auch nicht wirklich "off".
Aber man muß schon unterscheiden zwischen "erreichbar für das Büro/den Job/den Vorgesetzten sein" und "mit seinen besten Freunden und dem sozialen Umfeld in Verbindung bleiben".
Aus dem Titelartikel des Spiegel möchte ich das Interview mit Familienministerin Kristina Schröder hervorheben: "Ich stelle das Handy nie aus".
Ein wichtiges Wort, was sie bei der Diskussion um Erreichbarkeit für den Arbeitgeber fällt ist die "Präsenzkultur", die in Deutschland noch an vielen Stellen vorherrscht, dies erwähnt Frau Schröder und dies ist ehr gut beobachtet. Gut bewertet wird, wer am längsten am Arbeitsplatz sitzt, nicht etwa, ob Aufgaben erledigt wurden und Kunden zufrieden sind. Noch besser wird offenbar bewertet, wer auch noch nach Feierabend für jeden Mist des Arbeitgebers erreichbar ist. Als Nebeneffekt haben wir schon seit Jahrzehnten folgendes Phänomen: für junge Väter kommt der Karriereschub oft genau dann, wenn die ersten Kinder dasind: man bleibt länger im Büro (ob produktiv oder nicht sei einmal dahingestellt), denn das ist oftmals sogar einfacher als zuhause Papa zu sein. Und der Chef findets auch noch toll!
Ein wichtiger Satz aus dem Interview ist weiterhin: "Wer hart arbeitet, dessen Freizeit muß man auch mit Respekt behandeln".
Dies vemisse ich bei den Schilderungen über manche Arbeitgeber schon lange. Man kann nur eine gute Leistung bringen, wenn man sich auch mal regenerieren kann, im Feierabend, am Wochenende und im Urlaub. Nur weil eine ständige Erreichbarkeit möglich ist (und für manche Berufszweige sicher auch ein Segen ist!) heißt dies nicht, daß ein Arbeitnehmer dann auch rund um die Uhr erreichbar und verfügbar sein MUSS.
Auch Frau Schröder sagt, ihr Büro wisse, daß es zu bestimmten Zeiten nur anrufen dürfe, wenn die Luft brennt. Und daß manche Sitzungszeiten grob familienfeindlich sind (meiner Meinung nach auch ein Auswuchs der patriarchalen Kultur in den oberen Rängen von Politik und Wirtschaft - da kümmert sich ja die Frau um Haushalt und Familie und man kann sich die Nacht um die Ohren schlagen).
Mal ehrlich: im Bereich Polizei, Feuerwehr, Notärzte ist während der Dienstzeiten Erreichbarkeit das A und O. Bei anderen Lebens- und Berufsbereichen sage ich mir inzwischen: was genau passiert, wenn ich abends/am Wochenende nicht reagiere? Wird der Kunde meckern seine Antwort nicht um 21 Uhr bekommen zu haben, sondern am nächsten Morgen? Würde ein Mensch dadurch zu Schaden kommen, wenn ich das Angebot erst morgen schreibe? Stünde die Welt still?
Nichts von alledem würde geschehen. Ich glaube gerade in Deutschland täte uns ein bißchen Entschleunigung ganz gut. Das ist ganz oft nur ein Ausspielen von Macht. Weil man als Auftraggeber oder Arbeitgeber es eben KANN, seine Untergebenen zu quälen.
Anekdote aus dem richtigen Leben: eine Freundin verzichtete einmal auf einen Brückentag, weil ein Kunde UNBEDINGT das Angebot an DIESEM und keinem anderen Freitag brauchte. Sie schickte es Freitag mittag um 12 wie gewünscht heraus.
Sie bekam eine Abwesenheitsmeldung zurück. Sie hatte also ganz umsonst auf ihren freien Tag verzichtet und der Kunde hatte sie eigentlich nur zum Spaß verarscht. Er hat den ganzen Mist nämlich ohnehin erst Montag gelesen und gesichtet.
Dies ist übrigens z.T. auch meine Erfahrung: immer wenn jemand es am Telefon besonders eilig hat und ich sage "wenn Sie es GLEICH faxen dann kann ich noch was machen", genau DANN kommt das Fax frühestens eine Woche später. Warum macht man mich dann SO verrückt?
Always on, liebe Arbeit- und Auftraggeber, bitte überlegt mal, was ihr Euren Untergebenen antut.